Von: Manoni

Weit weg

2015

Erstregistrierungs- und Aufnahmezentrum für Geflüchtete. Alles Menschen. Gekommen aus Ländern, in denen der Zugang zu sauberem Trinkwasser nur den „Privilegierten“ vorbehalten ist – ich bade darin. Länder, in denen Menschen bedroht, gefoltert und ermordet werden, weil sie ihre Meinung sagen. Länder, in denen schon Kindern eine Idee vom Leben an die Hand gegeben wird, die sich an zwei Worte bindet: „Nicht sterben!“ Ich kenne das nur aus Filmen und lebe in einem Land, das Waffen für den Hintergrund dieser Worte liefert.

Die Menschen dort träumen. Ich schlafe ein. Eine bessere Welt. Übernachten in einem Bett, in Frieden darin aufwachen. Kleinigkeiten. Für mich. Ich lebe diese und in der Welt, von der sie träumen.

Heute. 2020. Irgendwer erzählt mir, wir sind aufgeklärt – ich suche Gründe, um das zu bestätigen. Irgendwer sagt, wir sind die Krönung der Schöpfung, ich weiß oft nicht weswegen. Irgendwer sagt, es sei unzumutbar in einem Büro mit zwei Personen zu arbeiten. Ich frage mich, wie das im Verhältnis von 2800 geplanten und fast 20.000 tatsächlich Geflüchteten steht. Irgendwer beklagt die schlechte Verkehrsanbindung, wie findet das jemand, der allein dreißig Minuten durch gefährliches Gebiet läuft, nur um notwendige Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Schule zu erreichen? Basierend auf wissenschaftlichen Ergebnissen bieten wir in der westlichen Welt Seminare zur Notwendigkeit einer emotionalen und körperlichen Balance an. Was ist mit all denen, denen Grundrechte verwehrt bleiben? Weswegen ist es machbar, historische Gebäude und Banken zu retten und an dieser Stelle zu- oder eher wegzusehen?

Sie sagen „Nicht dein Problem.“ Das stimmt – nur bedingt. Es lässt sich sagen, weil es so weit weg scheint, beziehungsweise weil wir die Möglichkeit haben, uns körperlich und emotional davon zu distanzieren. Doch es ist sehr nah. Mit jeder unserer Entscheidungen treffen wir auch eine für jemand anderen oder etwas anderes. Die Wahl unserer Einkäufe, unser Bezug zur Umwelt, unsere Worte und Gesten. Es ist nicht weit weg. Es ist im Inneren und war nie woanders. Weil die Dinge verbunden sind. Und es sucht sich einen Weg. Weil es muss. Die Frage ist, auf welche Weise.

Das Genom eines Menschen ist zu neunundneunzig Prozent gleich. Nicht aber der Ort, an dem sich die Gesamtheit dieser Informationen entfalten kann. Dort wird man geboren oder nicht.

Jeder hat das Recht auf ein gutes Leben! Aber nicht jeder hat automatisch die Chance dazu!

Es ist nicht weit weg. Es ist hier. Überall. 99 Prozent. Leave no one behind!

MaNoni

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